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„Ich bin nicht gut genug!“ - Solche inneren Überzeugungen beeinträchtigen die Beziehung zum Pferd

 

 

Immer wieder und immer öfter begegnen mir Menschen mit einer ausgeprägten Unsicherheit am Pferd. Menschen, die sich nicht in der Lage sehen, mit den Anforderungen, denen sie tagtäglich bei ihrem Pferd ausgesetzt sind, klarzukommen.

 

So gut wie immer zeigen sie diese Unsicherheit nicht nur am Pferd – sie zieht sich durch ihr ganzes Leben. Das wiederum heißt, dass die Ursache nicht das Pferd, mangelndes Wissen oder falsches Training sein kann. Denn dann wäre das Problem relativ leicht durch spezielles Training vom Pferd, reine Wissenserweiterung oder Trainerwechsel aus der Welt zu schaffen.

 

 

 

Meist wird auch genau das probiert:

 

  • Das Pferd bekommt ein Gelassenheitstraining oder einen Bereiter verpasst
  • es wird alles an Büchern, Kursen und Seminaren bemüht, was es so gibt
  • und die Trainer werden auch schön der Reihe nach durchgenudelt.

 

Manchmal mutet mich das fast wie im Fußball an. Fallen zu wenig Tore, ist auf jeden Fall der Trainer schuld. Das Dumme ist nur ... keine dieser Maßnahmen greift wirklich. Die erhoffte Veränderung bleibt aus. Denn auf das, was wirklich dazu führt, dass die Menschen so unsicher sind und die Beziehung zum Pferd dadurch in Schieflage gerutscht ist, wird nicht geschaut.

 

Hier wird es spannend! Denn die Ursache liegt darin, wie wir uns selbst sehen und was wir von uns halten. Eigene Überzeugungen und unsere innere Haltung sind es, die letztlich darüber entscheiden, wie die Umwelt - und unser Pferd - uns wahrnimmt. Wer sich mit schöner Regelmäßigkeit sagt „Ich bin nicht gut genug!“, braucht sich nicht zu wundern, wenn er nach außen klein erscheint und die Beziehung zum Pferd leidet.

 

 

Wer sich klein macht, nimmt sich Zuversicht – und schafft sich vorauseilende Ausreden, wenns nicht klappt

 

Eines unserer wichtigsten Hilfsmittel, die wir nutzen, um uns in unserer Welt und im Leben zurechtzufinden, sind unsere Überzeugungen. Sie geben uns Ordnung, Struktur und Sicherheit. Diese Überzeugungen lernen wir irgendwann einmal in unserer Entwicklung. Abhängig davon, ob die Überzeugungen, die wir von uns selber haben, unterstützend + positiv oder eben einschränkend + negativ sind, gestalten wir unsere Welt. Das, wovon wir überzeugt sind, bestimmt, wie wir unser Leben und uns selber sehen.

 

 

Um beim oben genannten Beispiel zu bleiben: Wenn du den Satz „Ich bin nicht gut genug!“ irgendwann mal gelernt hast und davon überzeugt bist, dass er richtig ist, dann wirst du dich natürlich genau so erleben. Zu klein, zu unfähig eben nicht gut genug. Und das vermittelst du deiner Umwelt – du wirkst dann tatsächlich kleiner und unfähiger.

 

 

Andererseits schafft es, manchmal unbewusst, ein kleines Hintertürchen: Wenn du mit Problemen konfrontiert wirst oder Entscheidungen treffen sollst, die vielleicht etwas unbequem sind, kannst du dich so leichter aus der Affäre ziehen. Wer von Anfang an sagt „Das kann ich eh nicht!“ muss sich entweder gar nicht erst damit auseinandersetzen – oder bestätigt sich, dass es klar war, dass es nicht klappt, wenn etwas nicht so gut läuft. Solche Überzeugungen sind also nicht nur Selbstsabotage, sie können gleichzeitig sehr gut als Ausrede dienen, wenn man Unangenehmes vermeiden möchte.

 

 

 

Das Pferd nimmt deine Einstellung zu dir für bare Münze und eure Beziehung kommt in Schieflage

 

Pferde haben ein sehr feines Gespür. Sie fragen genau nach, ob du in der Lage bist, Verantwortung für dich und damit auch für sie zu übernehmen. Immer und immer wieder. Da gibt es keine Ausreden mehr. Pferde brauchen vor allem einen selbstbewussten, souveränen Partner, der ihnen ganz klar Sicherheit vermitteln kann. Du musst dir deiner selbst sehr sicher sein, Präsenz zeigen und souverän in jeder Lebenslage entscheiden können. In Sekundenbruchteilen. Pferde sind da viel schneller als wir. Weil ihre Aufmerksamkeit eben nicht von Sätzen wie „Ich bin nicht gut genug!“ abgelenkt ist.

 

 

Machst du dich aber selber klein, kannst du genau das nicht. Das Vertrauen in dich leidet. Du bist eben nicht mehr auf Augenhöhe. Nicht mehr nur du traust dir nicht zu, Situationen verlässlich und sicher zu lösen, sondern dein Pferd zweifelt ebenfalls. So entsteht ein System, das sich selbst am Leben erhält. Da auch Pferde sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und Erfahrungen haben, können sie auf verschiedene Art und Weise reagieren:

 

 

Variante 1: Das Pferd wird ebenfalls unsicher und ängstlich

 

Pferde, die selber eher unsicher sind, werden noch unsicherer. Sie brauchen die klare Botschaft „Alles ist gut. Keine Gefahr. Ich habe alles im Griff!“. Unsichere Reiter aber vermitteln die Botschaft „Ich kann das nicht“. Also auch Unsicherheit. Die Wirkung beim Pferd ist dann noch mehr Unsicherheit, Zweifel daran, dass für ihren Schutz gesorgt ist und letztlich … Angst. Das Pferd geht in den Fluchtmodus. Es ist schreckhaft, unruhig, springt davon oder geht sogar durch. Das bestätigt dich wiederum in deiner Überzeugung und ihr schaukelt euch gegenseitig hoch.

 

Ruhe und Gelassenheit muss von dir kommen, damit das Pferd runterfahren kann. Damit du aber runterfahren und ruhig werden kannst, gilt es, die innere Einstellung zu korrigieren. Zum Beispiel von „Ich bin nicht gut genug!“ zu „Ich habe schon ganz viele andere Situationen gemeistert. Das kann eigentlich nur heißen, dass ich schon ganz schön gut bin!“

 

 

Variante 2: Das Pferd achtet einfach nicht auf dich

 

Du bist mit deinen Problemen beschäftigt. Mit all dem, was du nicht kannst, mit deiner Unsicherheit und deinen Selbstzweifeln. Mit allen möglichen Varianten, was alles passieren könnte und wie oft du eh schon nicht in der Lage warst, ein Problem zu lösen. Zum Beispiel, wenn dein Pferd mal wieder einen unerwarteten Satz zur Seite macht.

 

Was das Pferd wahrnimmt, ist, dass sein Mensch unaufmerksam ist. Er strahlt nicht nur Unsicherheit aus, er ist mit der Aufmerksamkeit zudem nicht bei sich und der Situation, wie sie wirklich ist. Und du wunderst dich, dass das Pferd nicht bei dir ist. Es ist umweltorientiert, wird „guckig“, konzentriert sich nicht mehr auf dich. Von allem und jedem lässt es sich ablenken. Dabei hat es doch bei dir zu sein! So oft habt Ihr das trainiert. Vergeblich. Wieder springt es einfach weg. Du wirst ärgerlich, weil es so gar nicht auf dich achtet und alles andere wichtiger zu sein scheint. Wundern brauchst du dich aber nicht, denn warum sollte es auf dich konzentriert sein, du bist auch ganz woanders! Du erwartest von deinem Pferd, was du selber gerade (noch) nicht in der Lage bist, zu geben.

 

Variante 3: Das Pferd übernimmt die Führung  

 

Ein Pferd mit gefestigter Persönlichkeit, mit der Fähigkeit, die Führung in der Herde zu übernehmen und vielleicht auch noch mit dominanten Persönlichkeitszügen wird sich von einem unsicheren Partner nicht sagen lassen, was es tun oder lassen soll. Das kann sehr unangenehme Konsequenzen haben. Vor allem für dich.

 

Wenn so ein starkes Pferd spürt „Mein Reiter ist nicht in der Lage“, wird es die Führung übernehmen und selber für seine Sicherheit sorgen. In dieser Variante ist eure Beziehung richtig in Schieflage. Das Pferd ist Chef und sagt an, was gemacht wird. Es entscheidet, was es tun und lassen möchte, dein Einfluss ist da recht gering. Du hast nichts mehr zu melden. Sozusagen machst du dich jetzt nicht mehr nur selber klein, sondern das Pferd tut es auch. Oftmals trennen sich hier die Wege von Pferd und Mensch. Ich habe nicht nur einmal erlebt, dass Menschen vor der Entscheidung standen, das Pferd weggeben zu müssen, weil einfach nichts mehr funktioniert hat, das Pferd sich nichts mehr „sagen“ lassen wollte. Das kann durchaus mal gefährlich werden. Es reicht von „mein Pferd entscheidet, ob wir im Gelände rechts oder links gehen“ über „Ich traue mich gar nicht mehr, mein Pferd aus dem Stall zu holen, es legt die Ohren an und droht mir jedes Mal“ bis zu „ich habe inzwischen wirklich Angst vor meinem Pferd“. Mir selber wird in diesen Konstellationen richtig Angst und Bange. Unfälle und Verletzungen sind hier vorprogrammiert – von beiden Seiten. Und auch hier wieder: Da hilft weder üben noch trainieren. So lange du dich mit deinen inneren Problemen nicht änderst, wirst du eure Beziehung nicht geraderücken können.

 

Die gute Nachricht: Du kannst deine innere Haltung verändern!

 

Das klingt jetzt alles etwas krass, ich weiß. Vielleicht musstest du gerade ein wenig schlucken. Doch es ist mir bei diesem zentralen Thema wirklich wichtig, nicht um den Brei zu reden. Ich sehe, wie gesagt, viel zu oft, dass an Symptomen rumgedoktert wird – anstatt an die Wurzel zu gehen

 

Um eure Beziehung wieder in Balance zu bringen ist ein erster wichtiger Schritt, deine einschränkenden „Lieblingssätze“ zu erforschen.  Um dir das etwas zu erleichtern, hier ein paar gerne genutzte Beispiele:

 

  • ·         Ich kann das nicht!
  • ·         Ich muss viel mehr wissen!
  • ·         Ich muss es anderen recht machen!
  • ·         Ich muss genauso gut reiten können wie XY!
  • ·         Ich habe zu wenig Talent!

 

Du kennst deine inneren Klassiker aus dem Effeff. Schreib sie mal alle auf. Du machst dir damit bewusst, wie du eigentlich mit dir selber redest und wie es dir damit geht. Sei neugierig, ärgere dich nicht und tu´s bitte auch nicht ab. Die Überzeugungen sind ja nicht von ungefähr da. Es ist wirklich der erste Schritt zu einer Veränderung, überhaupt mal zu merken, dass – und wann – du die Sätze so nutzt.

 

Der nächste Schritt ist es, dir die drei von dir am häufigsten genutzten Sätze näher vorzuknöpfen. Forme die negativen Sätze in positive, unterstützende um, z. B.

 

  • Ich lerne täglich dazu!
  • Ich weiß schon ganz viel und was ich noch brauche, lerne ich!
  • Ich darf es mir recht machen!

 

Schreibe auch diese Sätze auf und fange an, damit zu arbeiten. Unser Hirn ist ein Wiederholungstäter: Das was wir wieder und wieder denken, nimmt es für bare Münze. Das können wir uns zunutze machen, indem wir es umdrehen: Sag dir die positive Variante deiner Kleinmach-Sätze täglich mehrmals auf oder schreibe sie immer wieder. Je regelmäßiger du sie anwendest, desto schneller werden sie sich einprägen.

 

Stärke dich mit positiven Sätzen, bevor du zu deinem Pferd gehst. Und wenn du beim Reiten merkst „oha, jetzt werde ich unsicher“, rede dir gut zu. Unser Körper und Geist reagiert immer auf unser Innenleben – und das wiederum überträgt sich auf deine Wirkung aufs Pferd.

 

Ganz wichtig: Hab Geduld! Die Veränderung in eurer Beziehung kommt in dem Maße, in dem sich deine Einstellung zu dir ändert. Sei geduldig mit deinem Pferd. Und vor allem auch mit dir.