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Die "Leistungslatte"

 

Ich frage meine Kunden gerne: „Wann warst du das letzte Mal so richtig entspannt und mit Spaß bei deinem Pferd?“ Ist ja schließlich für die meisten Freizeit und Hobby.

 

Viele schauen mich dann etwas bedröppelt an und beichten, dass der Spaß schon längst auf der Strecke geblieben ist. Eigentlich ist es oft nur stressig hier beim Pferd. – Das wundert mich nicht, denn so erlebe ich sie auch. Sie setzen sich massiv unter Druck. Die Ansprüche an sich, alles perfekt und richtig machen zu wollen, teilweise um vor den Augen der anderen bestehen zu können, sind letztlich nicht wirklich zu erfüllen.

 

 

Ihre innere „Leistungslatte“ hängt viel zu hoch. Kein Drüberkommen möglich.

 

 

Und diese Ansprüche haben die Menschen ja nicht nur an sich selber. Nein. Die haben sie auch an ihre Pferde. Die müssen genauso richtig und perfekt sein. Natürlich können die Pferde diesen Ansprüchen nicht gerecht werden und geraten immer mehr unter Druck. Mehr Druck bedeutet wiederum mehr Stress. Das Ergebnis ist Ärger, Enttäuschung und noch mehr Stress. Für beide. Der Anspruch wächst noch mehr, denn es muss ja besser werden.

 

 

Wir interpretieren die Welt und machen uns dabei gerne immensen Druck!

 

Unsere Welt gestalten wir aufgrund unserer Erfahrungen, Bewertungen und Überzeugungen. Du machst eine Erfahrung, zum Beispiel hast du irgendwann mal gelernt, dass du nur dann Liebe und Anerkennung bekommst, wenn du alles „richtig“ machst. Was „richtig“ ist, bestimmst dabei allerdings nicht du, sondern deine Umwelt. Das heißt, du richtest dich nach anderen, bist immer auf der Suche nach Informationen, was für sie „richtig“ ist und versuchst dann das zu sein. Alles muss perfekt sein und laufen, sonst besteht die Gefahr, dass du dich blamierst, du nicht gesehen wirst, oder sogar nicht mehr dazugehörst.

 

 

Du machst dir einen unglaublichen Druck, es den anderen recht zu machen, egal, ob das für dich gut ist, oder nicht. Und das zieht sich durch dein Leben. Mit dieser Erfahrung bewertest du jetzt jede Situation, in der du dich befindest. Du versuchst das „Richtig“ herauszufinden, zu erahnen und es dann perfekt zu tun. Egal, ob es darum geht, das Pferd „richtig“ zu reiten, die „richtige“ Trainingsmethode zu entdecken oder dem zu entsprechen, was Erfolg für dich bedeutet. Ständig bist du im Gespräch mit dir selber. Das ist ein Stück weit normal. Das machen wir alle.

 

Wenn du dir aber ständig Sätze sagst, wie

 

·         „Die anderen sind viel besser als ich!“

 

·         „Das kann ich gar nicht.“

 

·         „Ich muss das genauso gut können wie XY!“,

 

dann bist du nicht mit dir beschäftigt, sondern mit den anderen.

 

 

 

 

Das „Richtigsein“ und Gut-dastehen-Wollen lenkt ab und sorgt für Stress – auch beim Pferd

 

Du siehst schon: So übersteigerte Ansprüche drücken nicht nur heftig, sondern sie verstärken sich. Umso schlimmer, dass diese Erwartungen in Wirklichkeit gar nicht deine sind. Es ist der tatsächliche oder von dir angenommene Anspruch der anderen, den du übernommen hast. Um gemocht, gesehen und beachtet zu werden. Und dem kannst oder willst du im Zweifelsfall gar nicht gerecht werden, weil du völlig andere Wünsche, Ziele und Fähigkeiten hast.

 

 

Wenn der innere Druck steigt, sind wir gestresst. Unsere Gedanken sind in negativen Schleifen gefangen, das Blickfeld wird eng. Du siehst den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Das „richtig Sein und Tun“ ist allgegenwärtig, du verlierst dich, deine Fähigkeiten und Möglichkeiten völlig aus dem Blick. Und die liegen vielleicht wo ganz anders. Dein Körper reagiert. Er ist im Alarmzustand.

 

 

Die Körperreaktionen bei Stress sind:

 

·         Der Muskeltonus steigt. Man verspannt und wird starr. Alarmstufe rot.

 

·         Die Geschmeidigkeit des Körpers geht flöten und die geistige Flexibilität wird immer mehr eingeschränkt. Tunnelblick.

 

·         Das alles signalisiert dem Pferd „Gefahr im Verzug“. Der Mensch strahlt Unsicherheit aus, die übernimmt das Pferd. Es wird auch starr, hektisch und unaufmerksam. Angst.

 

 

Als Fluchttier ist das Überleben des Pferdes davon abhängig, dass für seine Sicherheit gesorgt ist. Es muss jemanden geben, der alle Situationen richtig einschätzen und bewerten kann. Und der dann für diese Sicherheit sorgt. Das setzt großes Vertrauen voraus!

 

 

Dieses Vertrauen zum Menschen kann aber nicht entstehen, wenn der ständig Stress und „Gefahr“ ausstrahlt. Das Ergebnis? Das Pferd fängt an, selber für seine Sicherheit zu sorgen.  Aufmerksamkeit, Konzentration und Vertrauen sind überall – nur nicht beim Menschen. Das Pferd ist im Fluchtmodus.

 

 

Dein übersteigerter Perfektionismus hat genau die gegenteilige Wirkung. Er sorgt für Unsicherheit, deine Aufmerksamkeit ist nicht bei dir und deinem Pferd und damit kann dein Pferd sich nicht auf dich verlassen.

 

 

Das ist keine gute Basis für eine vertrauensvolle Beziehung zwischen dir und deinem Pferd.

 

 

 

Mit der Leistungslatte erkennst du deine inneren Ansprüche + kannst sie visualisieren

 

Damit haben wir bereits den Ansatzpunkt gefunden, wenn es darum geht, die Ansprüche an dich herunterzufahren, um Druck und damit Stress rauszunehmen und mehr Ruhe in das Zusammensein mit deinem Pferd zu bringen.

 

Zunächst ist wichtig, dir erstmal deiner Ansprüche an dich bewusst zu werden. Deine Gedanken nicht mehr einfach so „vor sich hinplappern“ zu lassen, sondern dir mal zuzuhören. Dabei können innere Bilder sehr gut helfen und dich dabei unterstützen, zu erkennen, wie du mit dir umgehst.

 

 

Umgangssprachlich sagen wir „Die Latte hängt hoch“, wenn wir vor einer anspruchsvollen Aufgabe stehen. Dieses Bild der persönlichen „Leistungslatte“ hilft dir, einen direkten Bezug zu deinem inneren Erleben zu bekommen, vor allem wenn du wieder zu anspruchsvoll und zu perfekt unterwegs bist.

 

 

Wie bekommst du Zugang zu deiner „Leistungslatte“? Ganz einfach. Such dir in einem ruhigen Moment einen ruhigen Ort. Atme ein paar Mal tief durch. Und dann versetze dich in eine Situation, von der du weißt, dass du da mal wieder voll in deinem Perfektionismus gefangen warst. Dann stell dir deine Ansprüche an dich als tatsächliche Latte, Stange, Balken vor. Erforsche, wie dick, wie breit sie ist. Aus welchem Material sie ist, welche Farben sie hat. Wie fühlt sie sich an? Wo vor dir hängt sie? In welcher Höhe und in welchem Abstand vor dir? Stelle dir die Latte so plastisch wie möglich vor und spüre, wie es dir damit geht.

 

 

Dieses Bild, hast du es erstmal gefunden, lässt sich immer wieder aktivieren und es erleichtert dir, deine Gedanken und Gefühle zu entdecken, die zu deinen übersteigerten Ansprüchen gehören. Du hast einen Zugang zu dir gefunden, der dir hilft, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Du kannst mit diesem Bild anfangen, aktiv an deinem Druck zu arbeiten, deinen Stress herunterfahren und dir Stück für Stück Ruhe und Gelassenheit ins Leben holen.

 

 

 

So kannst du mit der Leistungslatte deinen Druck regulieren

 

Hast du das Bild deiner Leistungslatte erst einmal in dir, dann kannst du anfangen, damit zu arbeiten:

 

 

·         Teste zuerst einmal, wie es ist, sie ein kleines Stück herunter zu hängen. Wie verändert sich dein Erleben, deine Gefühle? Dann hänge sie ein Stück nach oben. Was passiert jetzt mit deinem inneren Druck? Wie reagiert dein Körper?

 

·         Stell dir andere Situationen vor, und schau, wo die Latte jetzt hängt. Ändere die Höhe auch hier. Wie geht es dir damit, zu begreifen, dass es DEINE  Latte ist und du plötzlich Einfluss darauf hast, wo sie hängt? Leg sie doch mal auf den Boden und steige drüber. Wie ist das?

 

 

Wichtig ist vor allem, dass du das wirklich regelmäßig übst. Anfangs in entspannten Situationen, da fällt es zunächst viel leichter. Und dann immer öfter in stressigeren, für dich schwierigeren Situationen. Du entscheidest, wie groß, breit und in welcher Höhe deine Latte ist. Deine Selbstwirksamkeit ist erwacht. Alles, was es dazu braucht ist einfach Übung.